Saarland

Stadt St. Wendel

In Blau ein durchgehendes goldenes Kreuz, bewinkelt von vier silbernen Lilien.

550 Jahre Stadtwappen in St. Wendel Von Pranz J. Gräff

Nachdem St. Wendel im Jahre 1332 auf Betreiben des Trierer Kurfürsten Balduin die Stadtrechte verliehen worden waren, sollte es noch 110 Jahre dauern, bis in der Stadt des heiligen Wendelin auch die äußeren Insignien eines urbanen Gemeinwesens, nämlich Wappen und Siegel, sichtbar wurden. Übereinstimmend berichten die St. WendeIer Geschichtsschreiber Julius Bettingen, Max Müller und Nikolaus Obertreis in ihren Heimatbüchern, daß an einer Urkunde aus dem Jahre 1442 der älteste Abdruck des Stadtsiegels gefunden wurde. Auch im Städtebuch Rheinland-Pfalz/Saarland wird auf diesen Abdruck hingewiesen.

Dieses Stadtsiegel stellt den heiligen Wendelin dar, in der rechten Hand einen Schild haltend, auf dem das bis heute gültige Stadtwappen dargestellt ist. "Dieses besteht", schreibt Bettingen, "in einem Schilde, welches durch ein Kreuz in vier Felder geteilt ist, deren jedes eine Blume (Lilie) trägt". Da heute dieser Abdruck aus dem Jahre 1442 nicht mehr nachweisbar ist, kann man das im Archiv der Pfarrgemeinde St. Wendelin gehütete Hochgerichtssiegel aus dem Jahre 1489 als das älteste noch erhaltene St. WendeIer Stadtwappen ansehen. W. Hannig vertritt die Ansicht, das jenes angebliche Siegel der Abdruck eines im 19. Jahrhundert angefertigten Siegelstempels sei.

Große Ähnlichkeit mit dem Siegel von 1442 dürfte das Gerichtssiegel von 1621 haben. In der Mitte des Siegels steht der Namenspatron St. Wendelin, als Hirte einen Stab in den Händen haltend. Rechts von der Figur wird ein Wappenschild sichtbar: Kreuz, begleitet von vier Lilienblüten mit der Umschrift: Sigillum. IURISDICTionis . OPPiDi . Sancti . WLNDALini .REGis . SCOTIAE.

Das Wappen von 1489 zeigt im Schild das Balkenkreuz mit aufgelegtem Fadenkreuz und auf den vier Feldern je eine heraldische Lilie. Das Kreuz wurde dem kurfürstlich-trierischen Wappen entnommen, während die Lilien an Schottland, das Herkunftsland des Stadtpatrons, erinnern. Das Siegel wurde von dem Schultheisen Clais Demut von Schaffhausen verwandt, das er als "vnser Gerichts Ingesiegel" bezeichnet.

Beide Wappen zeigen noch keine Farben. Durch wen die Verleihung des Stadtwappens erfolgte, ist nicht bekannt, obgleich Max Müller vermutet, daß sie mit der Verleihung der Stadtrechte verbunden gewesen sei. Ebenfalls ist nicht bekannt, ab wann die Stadtfarben blau und weiß der Stadt zugesprochen worden sind. Zum ersten mal werden sie 1865 erwähnt: "Die Farben der Stadt sind Weiß und Blau (weiße Lilien in blauen Feldern)." Das Siegel von 1489 jedenfalls ist in den späteren Jahren noch mehrfach auf alten Urkunden im Pfarrarchiv zu sehen.

Schriftliche Unterlagen über die städtischen Siegel finden sich im Stadtarchiv nur sehr spärlich. Als im November 1840 alle preußischen Städte, so auch St. Wendel, vom Königlichen Münzkabinett in Berlin aufgefordert wurden, Abdrücke ihrer Wappen und Siegel mit den entsprechenden Erläuterungen vorzulegen, bat Bürgermeister Carl Wilhelm Rechlin (1835-1869) den damaligen Dechanten Theodor Creins (1823-1874) um Unterstützung. In seinem Antwortschreiben an die Stadt teilte Greins mit, daß diese dasselbe Siegel mit der Kirche lange Zeit gemein hatte, nur die Umschrift sei eine andere gewesen. Er erklärte weiter, daß das mittlere Wappen an der Cusanuskanzel im Dom vom Jahre 1462 das städtische Wappen sei, obwohl es sich eindeutig um das Wappen von Kurtrier handelt. Leider wurden dem im Stadtarchiv deponierten Bericht von Bürgermeister Rechlin an das Münzkabinett die angeführten Stempel- und Wappenabdrücke nicht beigelegt.

Im Stadtmuseum befindet sich ein altes Siegel (Petschaft) aus Messing und im ältesten noch vorhandenen Protokollbuch der Stadtverordnetenversammlung vom Jahre 1846 ein Siegelabdruck, die beide fast identisch sind. Es handelt sich um ovale Siegel, die in der oberen Hälfte die Umschrift "Siegel der Stadt St. Wendel" tragen. Im einen Fall ist unter dem Wappen die Jahreszahl 1381, im anderen die Zahl 1681 zu lesen. In dem vorerwähnten Bericht an das Münzkabinett erklärt Rechlin, daß die Jahreszahlen unter den Siegeln keine andere Bedeutung hätten als die der Anfertigung derselben. Wenn diese Erklärung richtig sein sollte, würden beide Siegel auf die angegebenen Jahre zurückgehen, was aber wenig glaubhaft erscheint. Bei dem Siegel aus dem Jahre 1846 handelt es sich mit Sicherheit um eine Nachbildung des St. Wendeler Stadtsiegels (jüngeres Stadtsiegel) von 1681. Im Siegelfeld befindet sich ein Schild: Kreuz begleitet von vier Lilien. Die Umschrift lautet: SIGILLUM . CIVITATIS - WENDELINI . 1681.

An Hand von Urkunden, die sich im Besitz von Elmar Landwehr befinden, konnte festgestellt werden, daß beide Siegel noch bis in die siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts in Gebrauch waren. Entgegen den Regeln der Heraldik quellen auf beiden Siegeln die Kreuzbalken an den vier Enden über den Rand des Wappenschildes hinaus. Bei den am Schildrand aufgerollten Bändern handelt es sich um "Rollwerk". Die Bänder sind deutlich von den Enden des Balkenkreuzes durch den Schildrand geschieden.

Im Jahre 1907 wurden die Städte im Regierungsbezirk Trier vom Staatsarchiv Koblenz aufgefordert, wieder Abdrücke der Stadtsiegel und Farbzeichnungen der Stadtwappen vorzulegen. Das damals im Gebrauch befindliche Rundsiegel war mit dem gleichen Wappen versehen (immer noch ohne Mauerkrone), wie die beiden oben erwähnten Siegel, jedoch mit der Jahreszahl 1332. Bei dieser Zahl handelt es sich eindeutig um das Jahr der Stadtwerdung, was auch in einem Schreiben von Bürgermeister Rechlin an den Landrat Rumschöttel vom 19. Januar 1861 bestätigt wird. Das Stadtsiegel von 1907 muß demnach wohl am Ende des vorigen Jahrhunderts bis zum Ende des Ersten Weltkriegs verwendet worden sein.

Dem Brockhaus ist zu entnehmen, daß die Bekrönung von Stadtwappen mit einer Mauerkrone als verliehenes Rangabzeichen etwa seit dem Jahr 1700, zunächst in Nürnberg, dann auch in Augsburg und in Frankfurt a. M. nachweisbar ist. In einer Aufzeichnung des früheren coburgischen Friedensrichters Nikolaus Riotte vom 5. Dezember 1840 heißt es, daß sich sechzig- bis siebzigjährige St. WendeIer noch an das im Jahr 1806 abgebrochene „Untere Stadttor" erinnern könnten. Auf diesem mit Quadersteinen errichteten Bau soll das Stadtwappen mit der Mauerkrone eingehauen gewesen sein.

Das erste bekannte St. WendeIer Siegel mit einer Krone wird im Landeshauptarchiv in Koblenz aufbewahrt. Es ist der Lackabdruck eines Gerichtssiegels aus dem Jahr 1726. Es trägt die Umschrift: SIGILL. DES G...-GERICHTS . ST. WENDELL 1726. Das Siegel zeigt das trierische Balkenkreuz mit je einer Lilie in den vier Feldern und einem Herzschild, auf dem der Stadtpatron dargestellt ist. Hier handelt es sich nach der Deutung des St. WendeIer Heraldikers Gerd Schmitt nicht um eine Mauerkrone, sondern um eine Rangkrone mit Fleuron und dreifach Perlen, wie sie eigentlich in Deutschland nicht üblich ist und den Marquis in den romanischen Ländern vorbehalten war. Ab wann das Stadtwappen mit der Mauerkrone offiziell als Stadtsiegel in Gebrauch genommen wurde, läßt sich nicht genau feststellen. Ein erster Hinweis ist auf dem jetzt in Bernkastel-Kues aufgetauchten Ehrenbürgerbrief des zweiten Ehrenbürgers der Stadt St. Wendel, Clemens Freiherr von Schorlemer-Lieser, zu finden. Auf diesem von der Firma Pfannstiel in Weimar gestalteten Brief vom 6. Juli 1910 ist das Stadtwappen mit der Mauerkrone gleich zweimal zu finden.

Da ist zunächst die Urkunde, deren Kopfleiste das künstlerisch gestaltete, sich nach unten verjüngende und spitz auslaufende Stadtwappen zeigt. Eine ganz andere, viel einfachere Form hat das die lederne Einbandmappe schmückende Stadtwappen mit der dreifachen Mauerkrone. Die ersten Siegel mit der Mauerkrone finden sich in den städtischen Akten anfangs der zwanziger Jahre unseres Jahrhunderts und waren bis 1957 in Gebrauch.

Kurt Hoppstädter beschreibt das Wappen folgendermaßen: "Goldenes Kreuz im blauen Feld, in jeder der vier freien Ecken eine silberne Lilie. Das Kreuz ist ein Ankerkreuz, dessen unterer Balken ohne Widerhaken in den Schildrand übergeht. Auf dem Schild eine dreitürmige Mauerkrone. In neuerer Zeit findet man vielfach das Stadtsiegel so gezeichnet, daß das Kreuz mit dem oberen und den beiden seitlichen Balken über den Schildrand hinausragt." An anderer Stelle schreibt er: "Das Ankerkreuz in seiner heutigen Form kann im 18. Jahrhundert, in der Zeit des Barock mit seinen überschwenglichen Formen, entstanden sein."

Diese barocke Form des Stadtwappens mit Mauerkrone hat Max Müller auf einer der ersten Seiten seines 1927 erschienenen Heimatbuchs für die Nachwelt festgehalten. Selbst in der Zeit des Dritten Reichs wurde dieses Stadtwappen mit dem trierischen Kreuz nicht vom Hoheitsadler mit Hakenkreuz verdrängt. Auch in der Zeit nach 1945 bis zur Gebietsreform im Jahre 1974 behielt das Wappen mit der Mauerkrone seine Gültigkeit. Lediglich von 1958 an, als Hans Klaus Schmitt Leiter des städtischen Kulturamtes war, erfuhr die barocke Form des Wappenschildes unter Beibehaltung der Mauerkrone eine Änderung. Sie beruhte auf der Erkenntnis, daß es sich bei dem Ankerkreuz wohl um eine Verzeichnung des Balkenkreuzes handelte. Der Wappenschild erhielt jetzt die klassische Form, und die Kreuzbalken quollen nicht mehr über den Schild hinaus.

Als am 1. Januar 1974 die vom Landtag beschlossene Gebietsreform in Kraft trat, waren rechtlich neue Gebietskörperschaften entstanden. Damit war auch das Recht der früheren Gemeinden und Städte von wenigen ausnahmen abgesehen auf Führung ihrer bisherigen Wappen und Flaggen erloschen. Auch das Recht der aus der Gebietsreform hervorgegangenen neuen Stadt St. Wendel mit den 15 Umlandgemeinden, die zu Stadtteilen geworden waren, auf die Führung des bisherigen Stadtwappens war untergegangen.

Nun mußten sich Stadtverwaltung und Stadtrat mit der Beantragung eines neuen Wappens befassen. Nach Beratung im zuständigen Ausschuß wurde der Vorschlag des Innenministeriums befolgt und dem Stadtrat das bisherige Wappen der größten und bedeutendsten Körperschaft, nämlich St. WendeIs, zur Übernahme empfohlen. So kam es, daß in der Stadtratssitzung vom 27. November 1974 der einstimmige Beschluß gefaßt wurde, das bisherige Wappen und die Farben Blau und Weiß beizubehalten. In dem dann folgenden Genehmigungsverfahren wurde vom Innenministerium auf die Mauerkrone als nicht mehr zeitgemäßes Rangabzeichen einer Stadt hingewiesen. Nach Meinung des Landesarchivs Saarbrücken sollten bei Neuverleihungen von Wappen Mauerkronen nicht mehr zugelassen werden. Der Hinweis war für St. Wendel aber nicht mehr notwendig, weil die Stadtverwaltung bei der Beantragung des neuen Wappens, wie aus den beigefügten Wappenzeichnungen zu ersehen war, schon auf die Mauerkrone verzichtet hatte.

Nach Klärung dieser Frage wurde dann mit Urkunde vom 24. November 1975 der Kreisstadt St. Wendel das jetzt im Sitzungssaal des Rathauses hängende Stadtwappen verliehen, das wie folgt beschrieben wird: "In Blau ein durchgehendes goldenes Kreuz, bewinkelt von vier silbernen Lilien." Gleichzeitig verlieh der Innenminister der Stadt St. Wendel das Recht, die Farben blau-weiß als Stadtfarben zu führen.